Galizien Geschichte und Identitätsmerkmale

Zwischen dem 11. und dem 6. Jhdt. v. Ch. kommen in Galicien indoeuropäische Völkerschaften mit keltischer Komponente an, wobei das Gros der letzten später eintraf, als siesich in den westlichen Regionen Europas ansiedelten. Aus der Jungsteinzeit stammen die Dolmen, in der Region vielzählig vorhandene Grabmäler. Aus der Bronzezeit sind die Petroglyphen oder Felsgravuren, deren Motive heute durch die Mode der keltischen Symbolik verbreitet werden. Die Kultur der "Castra" entwickelt sich ausgehend von der Bronzezeit, erreicht ihren Höhepunkt in der Eisenzeit und dauert unter der römischen Herrschaft fort, insgesamt ein ganzes Jahrtausend. Die grössten und am besten ausgegrabenen sind die von Barona (A Coruna) auf einer Halbinsel, die sich auf spektakuläre Weise in den Ozean hinausstreckt; sodann Santa Tegra, an der Mündung des Mino; und Viladonga, in Castro de Rei, Provinz Lugo.

Seit der Kultur der Dolmen bis zur Romanik und dem Barock ist der Stein das Kultmaterial Galiciens. Er ist allgegenwärtig in den städtischen Bauten, in den Kolonnaden und den granitgepflasterten Strassen, die typisch für die galicischen Städte sind. Aus galicischen Granit sind die Fassaden des Europäischen Parlamentes in Strassburg, des Ministerrates in Brüssel, der Rathäuser von Tokio und A Coruna. Rom hinterliess Bauwerke in Form von Stadtmauern, Strassen, Brücken, Leuchttürmen, Thermen, ausserdem das römische Recht und den lieblichen Klang der galicischen Sprache. Galicien wurde tiefgreifend romanisiert.

Ourense
Ourense
Heiligtum von As Ermidas Ourense

Aber das Keltische und das Römische stellen zwei entgegengesetzte Strömungen dar, die Fantasie und den Realismus, die atlantischen Nebel und die mediterrane Klarheit. Vielleicht weil Galicien ein mehr atlantisches Land ist denn mediterranes, haben Historiker wie Murguia das keltische und nicht das lateinische Element als Grundlage seiner historischen Persönlichkeit betont. Diese These wurde später als mythisch und romantisch angesehen und der Revision unterzogen.

Das keltische Element taucht allerdings hie und da wieder auf, und ist heute Teil der kulturellen Identität von Irland, Schottland, Wales, Kornwall, der Bretagne... in ihrer Dudelsackmusik, die eine Hochsaison erlebt, und in der fantastischen Literatur. Galicische Dudelsackpfeifer haben an dieser keltischen Welt teil und blasen nach allen Kräften, um dem anspruchsvollen Instrument seine 70 Dezibel zu entlocken. Die diesen Völkern gemeinsame orale Überlieferung lebt weiter, umwoben von Magie und Mysterium, voller Verzauberungen, Erscheinungen, Fantasiewesen, Trennung und Sehnsucht, weiche die unzähligen volkstümlichen Legenden bevölkern, von der Santa Compana bis zu San Andres de Teixido, dem Heiligtum mit der stärksten Präsenz alter Legenden und animistischer Kulte, "das du aufsuchen musst, solange du lebst, sonst wirst du als in ein Tier verwandelter Toter dort hingehen, vielleicht als Reptil". Und die galicische Literatur bietet unter ihren diversen Kanälen einen für die extreme Fantasie, wo es keine Grenze zwischen dem Erlebten und dem Geträumten gibt. Älvaro Cunqueiro ist ihr herausragendster Vertreter.

Von der Zeit des ersten Bischof Diego Gelmirez im Mittelalter an machten die Pilgerfahrten nach Santiago aus ihm eines der bedeutendsten kulturellen Zentren Europas. Gleichzeitig entstand ein primitives Netz von Städten und eine Klasse von Kaufleuten und Handwerkern in den Städten und Dörfern. Aus dieser Epoche stammt das reiche Erbe der romanischen Architektur und Bildhauerkunst.

Im 15. Jhdt erheben sich die Stände der Bürger und der Bauern im sogenannten Aufstand der Irmandinos gegen die Feudalherren, deren Burgen belagert werden. Die Katholischen Könige schützen zwar den Besitz der Herren, entziehen ihnen aber die Kontrolle der Justiz und schleifen ihre Burgen. Die Burgen, einige vollständig erhalten, die Mehrzahl aber in Ruinen, sind Zeugnisse jener Epoche.

Die Einführung des Mais und der Kartoffel aus Amerika im 17. Jhdt. bedingt das Wachstum der Bevölkerung. Der Landbesitz in den Händen der Kirche und der Feudalherren wird an die Bauern verpachtet und es entsteht der typische Zwergbesitz, den der Reisende heute noch im
unverwechselbaren Landschaftsbild wahrnimmt. Im 18. Jhdt. nehmen der Seehandel, die Textil- und die Fischpökelindustrie zu, und der Markgraf von Sargadelos schafft in Cervo den ersten Hochofen der industriellen Revolution in Spanien. Die hohen Einkünfte der Kirche der Kirche in Santiago trugen zur ausserordentlichen Entwicklung des galicischen Barocks und der Zunahme der "pazos" bei.

Zwergbesitz, hohe Bevölkerungsdichte und spärliche Verkehrsverbindungen zum Ausland für die Ausfuhr der Produkte bedingen die massive galicische Auswanderung im 19. und 20. Jhdt., die darauf abgelöst wird von der Zuwanderung vom Lande zu den Städten und Industriegebieten, die bereits über eine effiziente Infrastruktur zu verfügen beginnen.

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  • Katrin
    Katrin

    Galicien ist heute eine der drei historischen Regionen unter den 17 von der spanischen Verfasung von 1978 geschafenen Autonomen Regionen. Sein Autonomiestatut von 1980 legt zwei Amtsprachen fest, das Galicische und das Kastilische (Spanisch), sowie die Zuständigkeiten der Xunta (Regionalregierung) und des Regional Parlaments.

    15 Oktober 2014
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